Niederlausitzer Fundgrube

Auszug aus der Zahnīschen Chronik

Allgemeine Geschichte der Lausitz bis zur
Gründung des Klosters Dobrilugk 1184

Am Anfang unserer christlichen Zeitrechnung bewohnten unsere Gegenden die germanischen Stämme der Semnonen und Vandalen. Das Trachten und Sinnen aller Völker war damals nach Süden und Westen gerichtet, zu den wärmeren Gefilden, und auch die Semnonen und Vandalen verließen ihre unwirtlichen Gegenden, um sich in wärmeren Landschaften ein neues Heim zu gründen. Als die Semnonen und Vandalen ihre innegehabten Wohnstätten zwischen Elbe und Oder verlassen hatten, rückten die Wenden in die verlassenen Sitze ein und drangen bis zur Saale und Mittelelbe vor. Sie selbst nannten sich Slaven "die Ruhmreichen", auch werden sie vielfach Sorben, Serben und Wenden in der Geschichte genannt. Sie gehörten zu dem großen Volksstamme der heutigen Russen, Polen, Slovaken, Bulgaren, Letten und Kassuben. Unsere Nieder-Lausitz bewohnte der Stamm der Lusitzer, auch Liutizen oder Luitschanen genannt, die Oberlausitz bewohnten die Milcenier oder Miltschanen. Ueber Leben und Gebräuche, wie über den Götterkultus der genannten Volksstämme ist nicht viel Bestimmtes auf uns gekommen. Die wendischen Stämme waren Heiden. Der Sage nach soll zu Lübben, dem damaligen Lubin auch Libin, ein Tempel des Liuba-Gottes im Haine bei der Stadt gestanden haben. Noch im vorigen Jahrhundert soll man in dem Kirchturme zu Lübben ein Fragment von dem Götzenbilde aufbewahrt haben, aber jeder Reisende nahm von dem Holzbilde einen Spahn zum Andenken mit, so ging der wunderbare Heilige hinaus in alle Welt. An der Tempelstelle lag noch vor Jahren ein Opferstein und fand man bei Nachgrabungen auch alte Mauerreste. Heute bezeichnet diese Stelle ein Sandsteinwürfel als Gedenkstein mit der Inschrift "Liuba." Die Lusitzer verbrannten ihre Toten und wurde die Asche in Urnenkrügen beigesetzt, wie solche wiederholt bei Drehna, beim Bau der Berlin-Dresdener Eisenbahn auf dem Galgensberge, und in früheren Jahren in den Sandgruben bei Kirchhain und im April 1925 am alten Bahnhof zu Dobrilugk gefunden wurden. Die Lusitzer waren ein tapferes kriegerisches Volk, welches hartnäckig am Heidentum hing und nur durch jahrelange Kämpfe, durch List und Gewalt war es den Deutschen möglich, die wendischen Stämme mit ihren Fürsten unter deutsche Botmäßigkeit zu bringen.

Schon im Jahre 782 finden wir Carl den Großen im Kampfe mit den Sorbenwenden, um dieselben zum Christentum zu bekehren, doch gelang dies dem Kaiser nicht, der mit der Unterwerfung der Sachsen unter Wittekind vollständig beschäftigt war. Erst dem Kaiser Heinrich I., dem Vogler, war es beschieden, 928 die Wenden zu besiegen. Der Krieg gegen die Wenden galt als ein "heiliger", doch zeigte sich der "heilige Krieg" von einer absonderlichen Seite, richtiger hätte er den Namen Vertilgungskrieg verdient. Die erwachsene Bevölkerung wurde erschlagen und Knaben und Mädchen in die Sklaverei geführt, die gesammte Beute erhielt das tapfere Kriegsheer. Der übrigen unterjochten Bevölkerung wurde das Christentum und deutsche Herrschaft aufgezwungen. Auch der Böhmenherzog Wenzeslav wurde unterworfen und tributpflichtig gemacht. Dem Kaiser war es jedoch nur möglich gewesen die Wenden der unteren Elbe und der Oberlausitz zu unterwerfen, während die Lusitzer in unserer Gegend noch tapfer widerstanden. Die ganze folgende Zeitperiode ist ein stetes Ringen des Christen- und Heidentums.

Im Jahre 932 zog Kaiser Heinrich I. noch einmal gegen die Wenden und unterwarf die Lusitzer auf beiden Seiten der Spree, in der heutigen Niederlausitz, und machte sie zinspflichtig. Im Lande der unterworfenen Milcenier legte der Kaiser auf einem Berge die Stadt Meißen an und gab das Land einem Markgrafen zur Bewachung. Einer der ersten Markgrafen der Ostmark, zu der die Lausitz gehörte, war Gero I., der Große genannt. Gero stammte aus einem angesehenen Sassengeschlechte, das man von Stade zu nennen pflegt, von dem man nur mit Sicherheit anzugeben weiß, daß es am Harze angesessen gewesen ist. Schon 938 gibt ihm Bischof Tiethmar von Merseburg in seiner Chronik, und 941 eine Urkunde den Titel Markgraf. Wenn man Kaiser Heinrich den deutschen Städte-Erbauer nennt, kann man Gero als Städte-Gründer der Lausitz ansehen. Um die Wenden im Zaume zu halten, waren in der Lausitz viele Orte in "Burgen" verwandelt worden, so war Senftenberg, damals Sümpfenburg, schon 893 angelegt. Kaiser Heinrich errichtete zu Cottbus ein befestigtes Lager und Gero befestigte die Stadt 940 vollständig und legte daselbst eine Burgwarte an. Noch viele andere Burgen legte Gero im Lande an, so gilt er auch als der Gründer Kirchhains, worauf wir noch bei der spezielleren Geschichte zurückkommen werden. Gero zeichnete sich durch unerbittliche Strenge, Grausamkeit und Knappheit in der Besoldung aus, daß oftmals Klage beim Kaiser geführt wurde. Leicht ist es denkbar, daß die Slaven das aufgebürdete Joch mit unterdrücktem Grimm trugen und jede Gelegenheit wahrnahmen, das verhaßte Joch der Christen abzuwerfen.

So bildete die Regierung Geros eine fortwährende Kette von Kämpfen gegen die aufständischen Wenden. Alle Mittel, erlaubte wie unerlaubte, waren Gero recht, um sein Ziel, die gänzliche Unterdrückung der Lusitzer, zu erreichen. Einst lud Gero dreißig Häuptlinge der Lusitzer zu einem festlichen Mahle ein. Die Fürsten folgten der Einladung, denn sie kannten die Heiligkeit des deutschen Gastrechts. Doch sie sollten gräßlich enttäuscht werden und ihre Vertrauensseligkeit bitter büßen. Als sie nach dem Mahle vom Weine berauscht zu Boden sanken, ließ Gero sämtliche dreißig Fürsten der Lusitzer einfach totschlagen. Der Tradition nach soll unsere Gegend und zwar die Gervsburg auf dem Grünen Berge zwischen Wendisch-Drehna und Gehren den traurigen Ruhm dieser deutschen Heldentat haben. Diese Bluttat und dieser Beweis "alter deutscher Treue" hatte zur Folge, daß sich alle wendischen Stämme von der Ostsee und Elbe bis zur Oder in wilder Wut einmütig wie ein Mann erhoben. Die angelegten christlichen Kirchen wurden zerstört und die Priester erschlagen; die deutschen Heere wurden von den Wenden weit zurück gedrängt. Es war dies ein Verzweiflungskampf und das nochmalige Aufflackern des heidnisch-slavischen Nationalgefühls. Nach langem Kampfe erlagen die Wenden, weniger dem Schwerte, Otto I., als dem Verrate eines ihrer eigenen Fürsten, des Tugimir, der durch Versprechungen gewonnen, die Feste Brennabor (Brandenburg) den Deutschen in die Hände spielte. Die Slaven unterwarfen sich wieder und nahmen das ihnen aufgezwungene Christentum an. Selbst der Polenherzog Mieczislaw gelobte Treue und Unterwerfung. Das herrenlos gewordene Land verschenkte Kaiser Otto an seine Vasallen, unter denen wir auch einen Ritter von Ileburg finden. Diese Familie ist deshalb wichtig, weil zu Anfang des 12. Jahrhunderts ein Ileburg zu Sonnewalde Burgwart war und mit der Geschichte des Klosters Dobrilugk in nähere Verbindung steht.

Die begründeten Bistümer Brandenburg, Havelberg, Meißen (946) und Merseburg konnten dem Christentum nur schwer Eingang verschaffen, und das ist leicht begreiflich, denn die unterjochten Wenden hatten das Christentum nicht als Religion der Liebe kennen gelernt, auch war die Handlungsweise des Gero nicht dazu angetan, Zutrauen, viel weniger noch Liebe zu erwecken. Als Otto II. in Italien kämpfte, erhoben sich 983 nochmals die Wendenstämme und schöpften neuen Mut um im allgemeinen Aufstande das Christentum und die verhaßte und grausam ausgeübte Herrschaft der Deutschen abzuschütteln. Die Wenden hatten Städte und Kirchen in Flammen gesetzt und auf den Trümmern von Havelberg und Brandenburg erhoben wieder die alten Götzen ihren heidnischen Cultus. Die Nachricht traf den Kaiser so, daß er am Schlagfluß starb. Die Grenzen des Reiches wurden nun zwar beschützt, doch gelang es nicht, die Wenden wieder unter deutscher Herrschaft zu bringen.

In Polen herrschte um das Jahr 990 der Fürst Boleslav mit dem Beinamen Chrobry, (der Mächtige, Ruhmreiche) der nach und nach alle slavischen Stämme unter seine Herrschaft brachte und sein Reich bis zur schwarzen Elster ausdehnte. Boleslav bekannte sich zum Christentum und suchte auch dasselbe unter seinen heidnischen Völkern einzuführen, er hoffte vom Pabste, wie Stephan der Heilige von Ungarn, zum Lohne die Königskrone zu erhalten. Ihm schwebte in Gedanken ein großes Slavenreich vor, als Gegensatz zum deutschen Reich, und dies zu erringen war seine Lebensaufgabe. Obgleich er Christ und Slave war, bedrückte er doch die wendischen Völker, und namentlich die nun wieder heidnische Lausitz ärger als Gero. Bischof Tiethmar von Merseburg erwähnt Zinnitz bei Alt-Döbern als eine der festen Burgen und Residenzen des Boleslav Chrobry. Er befestigte auch namentlich seine westliche Grenze gegen Deutschland, denn er wußte wohl, daß er sich des Besitzes der schon deutschen Lausitz nicht lange erfreuen werde. Auch bei Kirchhain, im ehemaligen Prießener jetzt Weißhauser Forstrevier, befand sich eine Befestigung mit einem Wartturm, welche die Hogewarte oder Hohewarte genannt wurde. Bei den Lusitzern hieß die Befestigung "Wißok" d.h. hoch. Im Volksmunde ist der Ort jetzt unter "Kanne" bekannt. Jedenfalls stand die Befestigung der Hogewarte mit der Heidewarte bei Hohenleipisch und der Burg Liebenwerda in Verbindung. Diese Verteidigungswerke bildeten die Westgrenze des Polenreiches.

Boleslav weilte 1002 beim Kaiser Heinrich II. zu Merseburg und leistete den Lehnseid für die in Besitz genommenen Länder. Doch glaubte er sich durch verschiedene Handlungsweise des Kaisers verraten. Er kehrte rachedürstend in seine Heimat und bekundete schon auf dem Wege durch Verbrennung der Burg Strehla und Fortführung vieler deutscher Gefangener seine feindliche Gesinnung. Geschickt benutzte er die Verwirrung und bemächtigte sich Böhmens. Nur sein Steifbruder Gunzelin hielt treu zum Kaiser und verteidigte die Mark Meißen. Boleslav war sengend und brennend über die Elbe gegangen, doch wurde ihm bald durch den Kaiser 1003 Einhalt geboten. Der Kaiser schloß ein Bündnis mit den Lusitzern, welche, wie überhaupt die slavischen Bewohner zwischen Elbe und Oder, das Christentum und mit diesem die Zinspflichtigkeit abgeworfen hatten und zu ihren alten heidnischen Götzenwesen zurückgekehrt waren. Die Lusitzer erkannten, daß ihnen von Boleslav, der mit dem Christentum zugleich seine Herrschaft ausbreiten wollte, eine ungleich härtere Botmäßigkeit drohe, als es die deutsche gewesen war. Sie schickten daher Gesandte an den Kaiser nach Quedlinburg und erboten sich unter der Bedingung, daß sie ihren alten Göttern und Gewohnheiten treu bleiben dürften, unter die deutsche Oberhoheit zurückzukehren, Heerespflicht zu leisten und Tribut zu entrichten. Heinrich II. nahm ihren Vorschlag an, so sehr auch dieses Bündniß eines christlichen Fürsten mit einem heidnischen Volke die Mißbilligung der Geistlichkeit fand, die er übrigens durch Herstellung des Erzbistums Merseburg zu versöhnen suchte. Im August 1004 brach Heinrich mit seinem Heere auf und unterwarf Böhmen und die Oberlausitz. War der mächtige Polenfürst durch den Feldzug von 1004 auch gedemütigt, so war er doch keineswegs vernichtet, aber man konnte hoffen, daß ihn ein neuer Angriff ins Verderben stürzen würde, und zu diesem neuen Kriegszuge rüstete Kaiser Heinrich. Schon im folgenden Jahre im August brach er nach der Niederlausitz auf. Das deutsche Kriegsheer kam hier durch unsere Gegend und wird hier von Tiethmar von Merseburg zum ersten Male in der Geschichte 1004 das Serbendorf Dobralug erwähnt. Auf dem Weitermarsche wurde das Heer durch verräterische Wegweiser in die Sümpfe der Elster und Spree geführt, wo viele Ritter den Pfeilen der Polen erlagen.

Beim Uebergang der Deutschen über die Spree zog ihnen des Heer der Lusitzer zu, deren Götzenbilder den christlichen Bischöfen ein grausenerregender Anblick waren. Boleslav wurde schließlich besiegt und die Deutschen drangen bis Posen vor. Boleslav mußte auf die Lausitz und angrenzende Marken Verzicht leisten und das frühere Abhängigkeitsverhältnis anerkennen. Doch war der Polenherzog schon damals entschlossen, die auferlegten Bedingungen nicht zu halten. Im Jahre 1007, als der Kaiser im Westen des Reiches kämpfte, fiel Boleslav in die Lausitz ein und erfüllte das Land bis zur Elbe mit Brand, Raub und Mord. Im Jahre 1010 wurden die Polen von den Deutschen abermals vertrieben und wird in diesem Zuge vom Bischof Tiethmar von Merseburg Kirchhain als "Jarina Stat" erwähnt. Aber schon im Jahre 1012 drang Boleslav wieder bis zur Elbe vor und bot derselbe den Frieden an, auf welchen Vorschlag der Kaiser gern einging. Zu Merseburg wurde dann Boleslav mit der Ober- und Niederlausitz belehnt. Die Verteidigungslinie in unserer Gegend von der Hogewarte bis zur schwarzen Elster war der Schauplatz der erbittertsten Kämpfe, denn bald hatten die Deutschen und bald die Polen die Befestigungen inne. Der ehrgeizige Polenherzog hielt aber nicht Ruhe, immer und immer suchte er sein Ideal, ein großes Slavenreich zu errichten, zu verwirklichen. Bis zum Jahre 1018 währten diese Kämpfe und Boleslav focht meistens glücklich gegen die deutschen Heere. Zu Bautzen kam 1018 der Friede zu Stande und Boleslav gelobte nun wohl zum sechsten Male Treue und erkannte die kaiserliche Oberhoheit an und blieb auch in dem Besitz der eroberten Marken. Von da ab hielt der Polenfürst Ruhe, sein Plan ein großes slavisches Gesamtreich zu errichten blieb unerreicht, aber Polen stand dem Germanentum als unbesiegtes Bollwerk des westlichen Slaventums auf Jahrhunderte hinaus gegenüber. Nach Kaiser Heinrich II. Tode löste Boleslav Chrobry die Lehnspflicht zum deutschen Reiche und machte sich zum Könige von Polen. Doch erfreute er sich nicht lange dieser neuen Würde, sondern starb plötzlich 1025. Sein Sohn Mieczislaw hatte sich, wie sein Vater, mit der Königskrone geschmückt, verweigerte den Tribut an den Kaiser und drang 1029 verheerend durch die Lausitz bis zur Saale vor. Nachdem er alles, wie gewöhnlich bei solchen Zügen, mit Feuer und Schwert verwüstet, Gefangene und reiche Beute mit sich fort geführt, zog er sich vor dem anrückenden Kaiser Konrad II. zurück. Erst im Jahre 1030 konnte Konrad die alte Scharte auswetzen, Mieczislaw wurde vollständig geschlagen und mußte die Lausitz abtreten. Die Oberlausitz, das Milzenerland, fiel an die Mark Meißen zurück; die Niederlausitz verband Konrad mit der sächsischen Ostmark und belehnte damit die Grafen Dietrich und Dedo aus dem Hause Wettin. Beim Tiethmar von Merseburg heißt die Familie dieser Markgrafen Buzizi, welchen Namen sie wahrscheinlich von dem Gau Butsin bei Zeitz, wo sie Güter besaß, erhalten hatte. Unter diesem Markgrafen, nach anderer Auffassung von diesem Markgrafen, wurde das Kloster Dobralug gegründet, und treten wir hiermit in die Spezialgeschichte von Dobrilugk und Kirchhain ein.
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